Ein kleiner Artikel zu den Problemen des ALIEN RPG
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Quo Vadis, ALIEN RPG? – Ein System mit Problem

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Ich habe vor wenigen Wochen den Zusatzband Colonial Marines Operations Manual (kurz CMOM) für das ALIEN RPG von Free League Publishing bekommen. Das ist der erste Quellen-/Kampagnenband des Systems. Mittlerweile bin ich bei mehr als der Hälfte und kann es nicht anders sagen: Ich bin sehr enttäuscht!

Warum? Das will ich euch hier gerne erklären. Vorneweg, das ist keine Rezension (es wird aber noch eine geben), sondern ein persönlicher Blick auf Probleme, auf die das ALIEN RPG insgesamt zusteuern könnte und deren Symptom das CMOM ist. Es könnte daher für alle unter euch interessant sein, die überlegen, ob sie sich dieses System zulegen wollen oder auch nur diesen neuen Band.

Was es bisher gab

Das ALIEN RPG kam Ende 2019 heraus und bestand bis vor Kurzem aus dem Grundregelwerk, dem Szenario Chariot of the Gods, Zusatzmaterial für dieses Szenario (mittlerweile alles in der Starterbox zusammengefasst) und dem Szenario Destroyer of Worlds nebst Zusatzmaterial als Box-Set.

Kurzfassung, wie ich es bisher fand: Ich mag das Grundregelwerk sehr gerne, das Zusatzmaterial ist so la la und Chariot of the Gods ok, mit einigen Schwächen. Für Genaueres könnt ihr gerne die verlinkten Artikel nachlesen. Zu diesen Dingen hat sich meine Meinung nicht wirklich geändert. Die Erfahrung mit Chariot of the Gods hatte mich auf jeden Fall davon abgehalten, Destroyer of Worlds gleich zu holen. Ich wollte mich vorher genau informieren. Tatsächlich sind viele Rezensionen sehr positiv, aber auch die zu Chariot of the Gods waren das grundsätzlich auch (es hat sogar einen Preis bekommen). Und tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass viel von dem, was mich im ersten schon gestört hat, auch auf das zweite Szenario zutrifft. Aber letztlich habe ich es weder gelesen noch gespielt, deswegen enthalte ich mich da einer Meinung. Aber dass es existiert, wird noch wichtig sein.

Weltenbau versemmelt

Bevor ich das Grundregelwerk gelesen hatte, konnte ich mir nicht wirklich vorstellen, wie die Welt, in der das Alien-Franchise spielt, ins Rollenspiel transportiert werden soll. Ich muss dazu sagen, dass ich bis dahin aber auch keine Comics oder Romane dazu gelesen hatte und auch das großartige Alien: Isolation erst anschließend gespielt habe. Das Grundregelwerk hat mich damals auf jeden Fall eines Besseren belehrt und gezeigt, was möglich ist. Es waren sehr guten Grundlagen, die die Welt skizziert haben. Wie es in Grundregelwerken der Fall ist, die ja auch noch die Regeln, Charaktererschaffung, Ausrüstung etc. hineinquteschen müssen. Ich war zufrieden, da ich das Gefühl hatte, als SL darauf aufbauen zu können und vor allem, dass zukünftige Publikation mehr daraus machen werden.

Genau das habe ich also vom CMOM erwartet… und wurde arg enttäuscht. Denn tatsächlich erfährt man nicht wirklich, wie die United Americas (UA), irgendein anderer Staat oder ihre Militärs funktionieren. Im Gegenteil wirft fast alles neue Fragen auf. Stattdessen wird sich nur auf das namensgebenden United States Colonial Marines Corps (USCMC) konzentriert. Aber nicht mal das ausreichend! Es wird gerade einmal beschrieben, wie ein Platoon aufgebaut ist. Alle militärischen Organisationsebenen darüber bleiben unerklärt. Es gibt später ein exemplarisches Battailion, aber zur grundlegenden Einordnung hilft das nicht viel. Zu allen anderen Militärs der UA gibt es nur winzige Absätze. Keine Ahnung, wie die zusammengesetzt sind, sie operieren, von wem sie gestellt werden etc. Zu den Streitkräften anderer Staaten sieht es noch düsterer aus. Die Royal Marine Commandos des Three World Empire (3WE) werden gar nicht beschrieben, dafür gesagt, ohne Erklärung, dass sie seit 20 Jahren nicht mehr im Einsatz waren. Zack, ist dieses Spieleuniversum wieder etwas ärmer! Es ist sehr offensichtlich, dass in diesem Buch, neben den Colonial Marines, keine Alternativen vorgesehen sind. Das wird noch an vielen Stellen problematisch, aber um beim Worldbuilding zu bleiben:

Das gleiche Buch, das gerade mal neun Seiten aufgebracht hat, um das USCMC und alle anderen militärischen Organisationen zu “erklären”, hat 19 Seiten, in denen in ewigen Zeitleisten alle möglichen Konflikte erklärt werden – zu denen man aber keine Beziehung aufbauen kann, weil man halt einfach keine Ahnung hat, wie diese Welt funktioniert oder aussieht. Stattdessen bekommt man noch mehr Institutionen nebst Abkürzungen um die Ohren gehauen, die man auch nicht versteht. In diesen Ereignissen steht das 3WE übrigens stets als Deppenstaat da, der nichts auf die Reihe kriegt ohne vom gloreichen USCMC gerettet zu werden. Klang im Grundregelwerk noch anders. Und es macht die Welt ein bisschen platter und uninteressanter.

Nein, sorry ALIEN RPG, so funktioniert Worldbuilding nicht! Die ewigen Zeitleisten waren einfach nur langweilig. (Das sage ich als studierter Historiker) Man hätte sie wirklich stark kondensieren können. Und mehr weiß ich anschließend auch nicht über die Galaxis.

Join the Marines, because… we shoot at things…

Es kam oben schon etwas raus, aber es dreht sich wirklich alles um die Colonial Marines. Und damit meine ich tatsächlich die Marines. Die Institution des USCMC wird nicht beschrieben. Keine Ahnung, wie seine Kommandostruktur funktioniert oder warum es eigentlich so eine besondere Position unter den Militärs des UA einnimm. Aber dann wird nicht mal über den generellen Werdegang der Marines wird viel gesagt. Z.B. ist das Corps US-amerikanisch. Oder doch nicht? Immerhin rekrutieren sie massig in den Kolonien. Was ist mit Bürger:innen aus anderen Staaten der UA? Keine Ahnung, nichts wird erklärt. Oder in Nebensätzen versteckt. Man muss zum Beispiel echt suchen um zu entdecken, dass die Raumschiffe der Marines eigentlich ausschließlich vom Bordcomputer gesteuert werden und gar keine dedizierte Crew besitzen. Im Notfall werden die Schiffe dann von den normalen Offiziere befehligt und von Marines bemannt… Macht alles irgendwie keinen Sinn!

Leider erfahren wir auch nicht, wie die Ausbildung eines Marines aussieht (immerhin weiß man, dass es irgendwo in Kalifornien ist), wie der normale Tagesablauf aussieht, ein Beispieltrainingsplan oder irgendwas, das mir hilft, meinen Charakter besser in die Welt einordnen zu können. Stattdessen bekommen ich ständig dumme Texte, die mir sagen, dass ich nur ein dummes Frontschwein bin, das niemanden etwas Wert ist, ich dafür mit großen Gewehren spielen darf. Große Teile des Buches sind in diesem lästige Klischee-Pseudo-Militärton geschrieben. Es ist nervig.

Spielleiter:innentipps aus der Resteverwertung

Ich weiß ich nicht, wie manche Spielleitertipps es in dieses Buch schaffen konnten. Wenn ich eine militärische Kampagne spielen, will ich nicht einfach lesen, dass das Prinzip von Rängen und Befehlketten voll doof ist und deshalb ignoriert werden sollte. Ja, genau: Dasselbe Spiel, das im GRW eine Klasse Offizier hat inklusive nützlichen Regeln fürs Befehle erteilen, erklärt einen ohne wirkliche Argumente, warum Spieler:innen diese nicht nutzen sollten.

Oder das NSC am besten kaum je irgendwas können, machen oder denken sollten, weil sie mehr oder minder nur dazu da sind, Feuer auf sich zu lenken. Das sorgt nicht gerade dafür, dass eine irgendwie leblose Spielwelt reicher wird.

Und solche Sachen gibt es öfters.

Metoplot? Ja – Nein – Vielleicht?

In meiner Rezension zum Grundregelwerk schrieb ich damals folgendes:

(…) Wenn man dem Spiel zum jetzigen Stand einen Vorwurf machen will, dann dass es sich nicht sicher zu sein scheint, was für eine Geschichte es insgesamt erzählt. Dafür, dass Xenomorph XX121 der Unique Selling Point ist, wird sehr viel über staatliche Konflikte erzählt. (…)

Ersteindruck: ALIEN RPG Grundregelwerk (Fria Ligan) – Zwischen Konzernen und Kreaturen – Fazit (10.04.2020)

Jetzt scheint es eine Art Metaplot zu geben: Die sogenannten Border Bombings. Ich möchte hier nicht spoilern, deswegen sehr allgemein an dieser Stelle: Es geht um eine Reihe aggressiver Handlungen, die gleichzeitig mysteriöser wie genozidaler Natur sind. Das Problem ist, dass zwar ungefähr erklärt wird, was bei einem solchem Ereignis passiert, aber auch die Spielleiter:in erfährt nicht (nur spekulativ), wer die Aggressor:innen sind, wo die Border Bombings genau stattfinden, wann und vor allem in welchem Ausmaß. Das ist extrem frustrierend. Es gibt sogar einen dieser “tollen” Spielleiter:innentipps, der besagt, dass man mit allen Mittel verhindern soll, dass die Spieler:innen diesem Mysterium zu nahe kommen. Es sei denn, als Tod von oben… Charaktere töten schient für dieses Buch immer zu gehen. Danke dafür!

Hier ist das schlechte Worldbuilding wieder im Spiel. Da ich keine Ahnung habe, wie die Staaten oder ihre Koloniensysteme aufgebaut sind, habe ich auch keine Ahnung, wie ich mir das Ausmaß und den Einfluss dieser Ereignisse vorstellen muss. Ich habe ja nicht einmal einen Einruck davon, wie diese Kolonien, die angegriffen werden, überhaupt aussehen. Daher kratzt es mich auch emotional nicht.

Ok, an dieser Stelle muss ich eine Einschränkung zum oben gesagten machen, denn ein Border Bombing wird beschrieben. Und zwar in Destroyer of Worlds. Auf dieses Szenario wird sehr häufig verwiesen, weshalb vieles nicht gut zu verstehen ist, wenn man das Szenario es nicht gelesen hat. Auch auf Chariot of the Gods wird verwiesen, allerdings weniger prominent.

Das führt mich zu der Frage, ob das der Weg sein wird, auf dem das ALIEN RPG seinen Metaplot transportieren will. Wird man alle sogenannten Cinematic Scanarios brauchen, um zu verstehen, was die Kampagnen-/Quellenband-Hybriden erzählen wollen? Es bleibt abzuwarten, ich hoffe aber nicht.

Sieht alles gleich aus

Um noch einmal auf meine Rezension zurückzukommen:

(…) Man erkennt viel vom Design der Filme wieder und entsprechend gut trifft es auch das Flair. Nur hätte ich insgesamt gerne mehr Neues, und mehr Xenomorphe…

Ersteindruck: ALIEN RPG Grundregelwerk (Fria Ligan) – Zwischen Konzernen und Kreaturen – Erscheinungsbild (10.04.2021)

Kann ich auch hier so sagen, nur dass die Gewichtung anders ist. Natürlich sollten die Filme wiedererkennbar sein, aber leider scheint dieses Buch außerhalb des Ausrüstungskapitels nur zwei Motive zu kennen: Marines und Raumschiffe. Ja, es gibt wirklich viele Bilder von Marines. Der “Höhepunkt” ist erreicht, als innerhalb von zehn Seiten drei fast identische Typen abgebildet werden. In vielen Bildern ist nicht einmal Action. Generell wirkt das Buch eher leer. Dabei gibt es viele Motive, die ich in so einem Buch gerne sehen würde (und teilweise auch erwarten würde): Soldaten der UPP (kommen im Text an gefühlt tausend Stellen vor) oder eines anderen Staates, militärische Abzeichen, Dienstanzüge, Offiziere, Xenomorphe (ja, das ALIEN RPG geizt wieder mit Bildern seines Unique Selling Point), andere Außerirdische (ich will nicht spoilern, doch es gibt welche, die ich eigentlich dringend sehen will), das Innere einer Raumstation oder auch einfach mal eine Kolonie nebst Einwohner:innen.

Leider scheint das eine Linie zu sein, die aus dem Grundregelwerk fortgesetzt wurde. Aber ich will unbedingt etwas von dieser Welt sehen, gerade weil mir die Texte schon nichts erzählen!

Quo Vadis?

Ich mag das ALIEN RPG, sonst hätte ich diesen Artikel nicht geschrieben. Ich möchte, dass die guten Ansätze aus dem Grundregelwerk Früchte tragen. Aber genau das sehe ich leider überhaupt nicht im Colonial Marines Operations Manual, denn es verschwendet kaum Mühe an Worldbuilding. Tatsächlich habe sich mir nur noch mehr Fragezeichen aufgetan. Stattdessen wird mit Plattitüden um sich geschmissen à la ‘Amerika rettet den Weltraum vor Bösen Weltraumkommunisten’. Nur um in der beigefügten Kampagne eine andere Geschichte zu erzählen und im Metaplot (bzw. den Ansätzen eines solchen) eine dritte.

Aber ich habe genug meinen Frust geklagt. Deshalb möchte ich hier gerne kurz zusammenfassen, was ich mir zukünftig erhoffe:

  1. Klare Ansagen, wie die Welt funktioniert, insbesondere die Staaten und ihre Kolonien.
  2. Mehr Beispiele, wie eine Kolonie aufgebaut sein kann und wie das Leben in ihr abläuft.
  3. Weniger schlechte Klischees, mehr spannende Optionen.
  4. Mehr Lektorat daraufhin, ob Tipps und Abläufe auch für den Spieltisch taugen.
  5. Mehr Vielfalt in den Illustrationen, da ich nicht nur Dinge sehen will, die ich schon kenne.
  6. Wenn es einen Metaplot gibt, sollte dessen Verständnis nicht von den Cinematic Scenarios abhängig sein.

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